200 Migranten bringen Fleisch auf die Azoren und die Arkadien von Stoppard

Der letzte von drei „Mit 3 spiel 2“-Abenden brachte eine Abteuergeschichte auf den Azoren und die Akardien von Stoppard als englisches Lustspiel auf die Bühne im KULT.

Zur 1. Hälfte: Im Jahr 1726 lebt Tai Kiki der Sohn des Inselfischers auf den Azoren. Sein Vater bestimmt seinen Alltag und wünscht nichts sehnlicher als dass der Sohn ihm Nachfolge und ebenfalls Fischer werde. Denn Fleisch gibt es nicht auf der Insel und Fische sind „Eiweiss“ für die Bewohner. Tai Kiki hingegen träumt davon die Insel zu verlassen und Abenteuer zu erleben. Das erzählt er auch seinem Freund, der als jüngstes von 12 Kindern die Hanfplantage seiner Familie pflege und raucht. Während dessen geht sein Vater zum Schamanen Maka und lässt „aus den Knochen lesen“. Maka offenbart zweierlei: Er soll seinen Sohn freigeben und weiße Menschen müssen weiterhin von der Insel ferngehalten werden. Denn seit vielen Jahrhundertes sind die Azoren ein isoliertes Eiland, das in Frieden und Harmonie lebt. Bis eben zu diesem Tag als auf der einen Seite der Insel spanische Soldaten anlanden. Diese wollen 25 Sklaven für den florierenden Sklavenhandel zwischen Schwarzafrika und den britischen Kolonien im aufstrebenden Amerika fangen. Die Konquistadoren schwärmen aus, einer trifft aber auf den Freund von Tai Kiki. Er überwältigt den Soldaten mit einem Joint und dieser lässt freiwillig von seiner Muskete ab. Die Spanier wollen unverrichteter Dinge aufbrechen, als Tai Kiki den vom THC erweichten spanischen Soldaten trifft und sich ihm als Sklave angedeiht, um endlich von der Insel zu verschwinden. In der Zwischenzeit nimmt sich der Vater von Tai Kiki das Leben, indem er einen giftigen Kugelfisch isst. Er sieht sich als Versager, da sein Sohn das Eiland verlassen hat und ihm nicht als Fischer nachfolgen wird. Derweil erreicht Tai Kiki in Fesseln die spanische Galeere, die vor der Insel ankert. Er wird dem Kapitän vorgeführt, der über sein Schicksal entscheiden muss. Mutig tritt er nach vorne und bietet dem Kapitän einen Joint an. Dieser erlebt einen Rausch als er diesen raucht und erkennt ein Riesengeschäft, wenn er den Hanf der Insel nach Spanien und in die britischen Kolonien exportiert. Er lässt die Fesseln von Tai Kiki zerschlagen und verhandelt mit ihm über eine spanische Bruttoregistertonne Hanf, die genau seiner Ladung entspricht. Tai Kiki schlägt ein. Der Kapitän lässt sofort die 200 schwarzen Sklaven über Bord werfen, die er derzeit geladen hat. Diese schwimmen gemeinsam an den Strand der Azoren. Der alte Maka erwartet sie am Strand und macht den ausgemergelten Flüchtlingen zunächst klar, dass es eine Einwanderungsobergrenze auf den Azoren gibt. Als er aber erkennt, dass diese auch für ihren Lebensunterhalt arbeiten wollen und zudem auch noch Ziegen und Schweine mit auf die Insel bringen – „echtes Fleisch“, da wandelt er sich, heißt sie willkommen und merkt, dass es den Menschen im Kern immer um ihr Stückchen Freiheit geht – dies garantiert den Frieden und das Gleichgewicht. Mit dem besten aus zwei Kulturen („Fleisch und Kokosmilch“) wird ein großes Willkommensfest am Strand gefeiert. In diesem Moment kehrt Tai Kiki zurück, bricht zunächst zusammen als er erfährt dass sein Vater tot ist, erkennt dann aber schnell, dass er den Schlüssel in der Hand hält, um die weißen spanischen Sklavenjäger ein für alle Mal von der Insel fernzuhalten: Die Hanflieferung. Am nächsten Tag fertigen die Einheimischen und die Flüchtlinge Hand-in-Hand eine ganze spanische Bruttoregistertonne verzehrfertiger Joints. Ausgeliefert an die Spanier können diese nicht widerstehen und rauchen diese in Unmengen. Schiff und Mannschaft sind schnell manövrierunfähig und irren über den Atlantik – als sie schließlich in Südamerika anlanden, können sie nicht mehr rekonstruieren, wo die Azoren liegen. Diesem Umstand verdanken die Bewohner der Azoren weitere Jahre „in Frieden ohne Weiße“. Kon Tiki nimmt sich eine junge Frau – eine der Migrantin – zur Frau und lebt noch lange und im Wohlstand der ewigen Einfachheit mit dem Stück Freiheit, was jeder Mensch haben muss.

In der 2. Hälfte wurde per Zufall aus dem Reclam Schauspielführer das Stück Arkadien von Tom Stoppard aus dem Jahr 1993 bestimmt. Uraufgeführt wurde das Stück am 13. April 1993 im Royal National Theatre in London, diesmal allerdings in der 4gewinnt Version: Thomasina Coverly ist 13 Jahre und pflegt zu Beginn eine unverfängliche Konversation mit ihrem 50-jährigen Hauslehrer Septimus Hodge über höhere Mathematik und die Tücken der Integralrechnung – keine Ungewöhnlichkeit in der gehobenen Klasse des post-viktorianischen Zeitalters. In Wirklichkeit geht es im Landhaus der Coverlys nur um das eine: die Liebe.  Thomasina liebt Hodge. Hodge liebt sie und ihre große Schwester (die auf dem Internat ist) ebenfalls. Der Vater von Sir Coverly ist Witwer und liebt seine Jugendliebe Lady Diana, die heute aus London zu Besuch kommt. Und mittendrin Ezra Chater, die pummelige Köchin, zu der alle kommen, um nach Rat in Sachen Liebe zu fragen. Nach einigen Verwicklungen kommt es zum Zerwürfnis beim gemeinsamen Abendessen: Lady Diana will Sir Coverly abweisen („ein Leben auf dem Land ist nichts“), Thomasina will nicht als alte Jungfer mit mehr als 20 Jahren heiraten (im post-viktorianischen Zeitalter wurden Frauen bereits mit 8-14 Jahren verheiratet). Thomasina, Sir Coverly, Septimus Hodge und Lady Diana liefern sich ein Wortgefecht aus tiefen Emotionen, verletzten Gefühlen, verkannter und echter Liebe. Lady Diana flüchtet in ihrer Kutsche, Sir Coverly folgt ihr, gibt Ezra aber noch die Anweisung „wie immer zu verfahren“. Ethra zieht ihr Messer, bewegt sich auf Hodge zu und stellt ihn vor die Wahl: Er geht oder er verliert auf der Stelle „sein Intergral“. Derweil verfolgt Sir Coverly seine Angebetete mit seinem Pferd, reitet neben der Kutsche, reißt die Tür auf und Raub sie kurzerhand indem er Sie auf sein Pferd zieht. Das post-viktorianisch unterkühlte Herz von Lady Diana lässt sich durch diesen Raub erweichen („ein echter Mann muss eine Frau rauben“) und sie umklammert ihn von hinten auf seinem Pferd sitzend. Die beiden Reiten hinaus – bis auf das Land nach Schottland – hinauf auf einen Berg. Dort beobachten sie die untergehende Sonne. Happy End.