Arabischer Frühling mit Liebe und Totentrompeten in Sangerhausen

Der erste von drei „Mit 3 spiel 2“-Abenden brachte eine Liebesgeschichte aus 1001-Nacht mitten im Arabischen Frühling und Einar Schleefs Totentrompeten auf die Bühne im KULT. Hier die kompletten Geschichten zum Nachlesen. Dienstag um 19 Uhr geht es dann im KULT weiter.

Zur 1. Hälfte: Rabat an der Küste Marokkos im Jahr 2013. Der junge Prinz Abdul flieht vor seinem strengen Vater, dem König von Marokko, weil dieser ihn in eine Zwangsheirat mit Soraja schicken will. Er liebt aber die Ausländerin Rose von ganzem Herzen und will an ihr festhalten. Mit seinem treuen Freund sattelt er die Kamele und versteckt sich bei einem Onkel im Atlas-Gebirge, während sein erzürnter Vater das Hochzeitsaufgebot abbestellen muss. In Rabat zieht derweilen vom Hafen her der arabische Frühling auf, der König muss ins Exil und ein einfacher Fischer wird der neue Herrscher Marokkos. Er ist es, der Soraja von ganzem Herzen liebt. Als Abdul im Atlas hört, dass sein Vater vertrieben wurde, macht er sich umgehend auf den Weg zurück nach Rabat. Nur eine royalistische Hochzeit kann das seit 1000 Jahren bestehende Gleichgewicht aus Oberklasse, Mittelklasse und den Armen im Land wieder herstellen und Frieden bringen. Wird er Soraja nun doch heiraten müssen? Währenddessen ist der König umtriebig, kehrt nach Rabat zurück und betritt das Schlafzimmer des Fischers und Soraja in dem der Fischer Pläne für die Zukunft Marokkos schmiedet: „Eine Herrschaft der Liebe. Nicht der Familienclans.“ Was er nicht weiß, der König hat Soraja ein Gift verabreicht, so dass diese stirbt – auf diese Weise verhindert er die Heirat des Fischers am nächsten Tag, die die Macht der beiden festigen sollte. Treue Royalisten nehmen den Fischer nun gefangen. Die Revolution ist am Ende, die Liebe als Utopie für Marokko scheint gescheitert. Doch da ist noch der liebende Abdul. Er schreibt seiner Rose, denn im Tod von Soraja und der Rückkehr des Königs steckt noch ein Funke der Hoffnung, denn das Hochzeitsaufgebot ist zum nächsten Tag bestellt. Auf ihrem Kamel reitet Rose durch die laue marokkanische Nacht zu ihm. Die beiden beschließen am nächsten Tag zu heiraten. Durch ein Lied, das Rose für Abdul singt findet er die Liebe im Kern seiner neuen Herrschaft. Rose bringt ihn dazu der Liebe zu folgen und den Marokkanern das Land zu schenken in dem sie seit 1000 Jahren im Gleichgewicht leben. Die Liebe und nicht Macht und Besitz sind das neue Herrschaftsprinzip in Marokko.

In der 2. Hälfte wurde per Zufall aus dem Reclam Schauspielführer das Stück Totentrompeten von Einar Schleef (UA: 1995 in Schwerin) ausgewählt und in der 4gewinnt Version gespielt: Die alten Jungfern Trude und Elli sitzen in ihrer sozialistischen Wohnung in Sangerhausen. Eine ist Mitläuferin, die andere Systemzynistin – beide sind Freundinnen. Sie reflektieren den sozialistischen Alltag in der DDR: „keine Freiheit und kein Kaffee“. Dabei denken sie auch an ihre Freundin Lotte (60), die seit einiger Zeit schweigsam ist und schlecht gelaunt. Szenenwechsel in die Wohnung von Lotte: Sie setzt ein letztes Mal heißes Wasser auf, schaltet das Gas im Herd an, kniet nieder und steckt ihren Kopf in den Ofen. Sie stirbt am Gas. Trompeten erklingen im Hintergrund und mischen die Hymne der DDR mit verzerrten Tönen des Schmerzes.

Parallel hebt Elli aufgrund fehlenden Kaffees ein Glas heißes Wasser lautstark auf die DDR, die morgen ihren 40ten Jahrestag feiert: sie dankt zynisch für Freiheit, und Frieden. Die Sorge um Lotte der beiden steigt und sie vermuten, dass diese vielleicht „rübermachen“ will. Sie beschließen sie aufzusuchen.

Im Rosarium, dem berühmten Park von Sangerhausen, laufen derweil die Vorbereitungen für den 40ten Jahrestag der DDR. Alles ist aufgeräumt und wohl geschmückt. Der Bürgermeister ordnet an, dass für diesen Tag auch wieder Kaffee in den Konsum zu bringen ist.  Trude und Elli durchschreiten den Park und ekeln sich vor der geschmückten Fassade des Staatsapparates, die mehr verspricht als sie im täglichen Leben einlösen kann.

Währenddessen zeigt eine surrealistische Szene in Lottes Wohnung zwei NVA-Paradesoldaten, die hinter der toten Lotte (in sozialistisch-rotem Blut liegend) im Stechschritt marschieren. Sie loben die DDR: „Nudeln aus Vietnam, Wein aus Bulgarien und Gas aus Russland.“ Sie kommentieren ihren Tod nur abfällig: „sie habe rüber gemacht“ – ein Verstehen des Menschen Lotte ist nicht zu merken, nur die Interpretation der Szenerie immer wieder durch die Brille des sozialistischen Systems.

In der finalen Szene des Stücks erreichen Trude und Elli den Plattenbau von Lotte. Sie steigen die vielen, vielen Treppen herauf. Je weiter sie nach oben „immer in Richtung des Himmels“ kommen, umso lauter werden wieder die Trompeten hörbar. Und: Umso mehr reflektieren die beiden ihre Alltagswelt im System. Vor Lottes Tür kommen sie zum Stehen. Die beiden stellen Vermutungen an, was auf der anderen Seite („drüben“) auf sie warten mag, ob Lotte dort ist, ob das Leben dort besser ist. Sie vermuten ein ganzen Volk, das durch diese Tür gehen wird. Aber an diesem Abend trauen sie sich nicht. Ausreden werden gefunden nicht durch die Tür zu schreiten: „Denn die Tür ist von beiden Seiten betrachtet gleich hölzern“  – sie ist aus „Sangerhauser Marmor“. Die Angst vor der anderen Seite und der Veränderung ist zu stark, sie lassen ab. Ende.

4gewinnt_Improthater_021

 

2016-05-19 21.58.51

 

2016-05-19 21.59.18