4gewinnt Improtheater Braunschweig

Liebe und Rettung in Chile im Jahr 2816 und Lars Norén mit „Die Nachtwache“

Gestern Abend im KULT erlebten die Zuschauer der finalen Show der Reihe Götter, Helden und Dämonen zwei epische Hälften.

In der ersten Geschichte versetzen Sie das Geschehen in die Stadt Antofagasta in Chile. Wir schreiben das Jahr 2816. Es steht nicht gut um die Menschheit. Weltweit werden die Wasservorräte durch die Amerikaner kontrolliert, um die Weltbevölkerung zu unterdrücken. So auch in Chile. Hier lebt José. Er ist ein einfacher, aber schwächlicher, junger Mann, der sich seinen Tagträumen hingibt und die schöne Roberta innig liebt. Doch die Liebe steht unter keinem guten Stern. Sein Vater, der sich einen starken Sohn wünscht, unterdrückt ihn und lässt ihn seine Verachtung spüren, denn es ist der einfachen Bevölkerung nur erlaubt ein einziges Kind zu haben. Seine Roberta hat es nicht minder schwer. Ihr Vater will die Liebe der beiden nicht akzeptieren und seine Tochter mit Edgar verheiraten. Er ist Amerikaner und kontrolliert den Staudamm mit den einzigen Wasservorräten. José und Roberta treffen sich ein letztes Mal, nach einem leidenschaftlichen letzten Kuss zieht der schwächliche José aus der Stadt aus und reitet depressiv und ohne Kraft auf einem Lama in die karge Wüste Chiles. Dort trifft er auf amerikanische Arbeiter, die mit einem Bohrroboter weitere Wasservorräte für den Staudamm erbohren. Wie aus dem Nichts erscheint ihm ein Mönch, der ihn in einem Tagtraum verspricht, dass er eine Zukunft mit einem starken, selbstbewussten José sieht und dass er zu einer nahen Bergspitze wandern soll. Gedemütigt durch den einen Arbeiter zieht sich José erst zurück, lehnt sein Schicksal ab und gibt sich auf – will sterben. Derweilen kämpft Roberta um ihre Liebe. In einem Akt der Befreiung tötet sie ihren tyrannischen Vater mit Gift, lehnt die Hochzeit mit Edgar ab, steigt auf ein Lama und reitet ihrem Geliebten nach. José erwacht aus seinem depressiven Traum und kämpft als starker Mann, das erste Mal in seinem Leben. Er ringt den Amerikaner nieder, der sich ungeschickt und arrogant selbst tötet – genau wie es der Mönch vorhergesagt hat. Jetzt nimmt José sein Schicksal an, steigt auf den Berg. Oben ist ein Tor, er tritt ein, hinter ihm schließt sich das Tor und er steht vor einer riesigen Kontrolltafel. Ein Android verlässt den Standbymodus und erklärt, dass die Amerikaner im Berg ein Raumschiff versteckt haben. Dieses enthält die Kontrolleinheit über die gesamten globalen Wasservorräte. Das Wasser haben die Amerikaner als Eis unter der Erde gefroren und dort vor den Menschen versteckt, um sie zu unterdrücken. Jetzt steht José vor der Schalttafel, die der Menschheit das Wasser wiedergeben kann. Er beginnt mit der Startsequenz und ein Countdown beginnt. In diesem Moment trifft Roberta auf dem Berg ein, läuft zum Tor und ruft ihren Geliebten. Doch das Tor öffnet nicht mehr, die Startsequenz wurde aktiviert. Die Liebe, die Leidenschaft ist den Verzweifelten anzumerken, den beide sind durch das Tor getrennt. Hin und hergerissen von der Verantwortung für die Befreiung der Menschheit und der eigenen leidenschaftlichen Liebe. Die Zeit verrinnt…60 Sekunden…42 Sekunden…10 Sekunden…3 Sekunden. José entscheidet sich ein letztes Liebeslied für Roberta zu singen und Abschied zu nehmen. Doch die Gefühle sind stärker und er ist in der Zwischenzeit ein starker Mann geworden, der sein Schicksal in die Hand nehmen kann. Er stürmt zum Tor und drückt es in letzter Sekunde mit der Kraft der Liebe auf. Roberta fällt herein, beide liegen sich in den Armen und das Raumschiff startet. Ein Signal wird gesendet und auf der gesamten Erde taut das Wasser und ist wieder für die Menschen dar. Der amerikanische Traum ist vorbei. Damit die Kontrolleinheit nicht mehr in die Hände von Menschen gerät, steuern die beiden das Raumschiff von der Erde weg bis in die Tiefen der Galaxis…

2016-11-22-21-59-50Nach der Pause wurde aus dem Reclam Schauspielführer das Stück „Die Nachtwache“ des Norwegers Lars Norén ausgewählt. Dieses beginnt mit einem Streit zwischen den Geschwistern Charlotte (35-38 Jahre alt) und John (38-40 Jahre alt) in deren Wohnung. Beide kommen von der Einäscherung ihrer Mutter und John hat diese in der Urne dabei. Es werden Vorwürfe gemacht, Demütigungen ausgeteilt und nichts erscheint harmonisch in dieser Familie. Es wird gestritten um die Beziehung zur Mutter, um das Geschäft, das Charlottes Mann Allan führt und beide wünschen, dass es anders gelaufen wäre schon vor 20 Jahren. Zum Ende zerbricht auch noch die Urne auf dem Kaminsims. John flieht aus der Wohnung. Es folgt eine Rückblende um 20 Jahre: John und seine Mutter stehen am offenen Grab ihres Vaters und Ehemannes. John, gerade 18 Jahre alt geworden, will in die Fußstapfen seines Vaters treten, das Geschäft übernehmen und die Familie zusammenhalten. Die Mutter fordert seinen Schwur auf die Familie. Er leistet den Schwur, Charlotte (gerade 16 geworden) immer bei sich wohnen zu lassen und die Familie zusammenzuhalten. Wieder ein Zeitsprung: Nur 5 Jahre später hat sich alles ganz anders entwickelt. Allan, der ehemalige Buchhalter des Geschäfts des Vaters ist mittlerweile mit Charlotte verheiratet. Er  hat das Geschäft übernommen und sorgt für die Charlotte und die Familie. John stellt Allan zur Rede: „Du hast alles genommen. Erst die Bücher. Dann das Geschäft. Dann die Familie.“ Allan antwortet nur lapidar, dass John einfach unzulänglich ist für Geschäft und Familie. An eben diesem Zielbild für das der vergötterte Vater stand zerbricht John. Ab diesem Tag leistet er jede Nacht am Grab seines Vaters die Nachtwache. Mit sich und seinen Versagensgefühlen konfrontiert verliert er Nacht um Nacht mehr von sich und die Realität aus den Augen. Wieder ein Zeitsprung in die Gegenwart der ersten Szene. Nach dem Streit mit seiner Schwester stellt John Allan zur Rede. Der spricht ihn wieder auf seine Unzulänglichkeit als Nachfolger seines Vaters an. Er zieht sein Klappmesser. 15 Jahre Nachtwache haben ihn von der Wirklichkeit entrückt. Er spricht mit seinem imaginären Vater, er spricht mit seiner imaginären Mutter, er imaginiert sich seine Schwester. Alle drei stellen sich imaginär hinter ihn und die „Familie ist wieder vereint“. Er schreitet vor, Allan weicht zurück. Er sticht zu. In seiner Welt hat er alles zurückgeholt. Die Bücher, das Geschäft und die Familie. Das bitterdunkle Stück um Zurückweisung, Demütigung und  übertriebenen Kult um Familienideale endet mit einer Szene zwischen John und der realen Charlotte. Charlotte verspricht die Leiche von Allan mit zu beseitigen und den Schwur einzulösen und zu ihm zurückzukommen. Der Kreis hat sich geschlossen.

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